Die Aerodynamik, die für die Entwicklung eines Hochleistungssportwagens wie des Alpine A110 von grundlegender Bedeutung ist, findet ihren wichtigsten Ausdruck in der Formel 1, wo Windkanaltests auf höchstem technischen Niveau durchgeführt werden. Pierre Sancinéna, Aerodynamikingenieur bei Alpine Cars, hatte die Idee, eine Partnerschaft mit seinen Kollegen vom Alpine F1 Team einzugehen, um von deren Methoden und Werkzeugen zu profitieren. Er führt uns hinter die Kulissen eines Tests, der seinesgleichen sucht.
VON EMMANUEL GENTY
Den Auftrieb beseitigen, den Luftwiderstand so weit wie möglich begrenzen und Abtrieb erzeugen – und zwar in einem ganz bestimmten Verhältnis: Die Arbeit der Aerodynamiker, die dafür sorgt, dass ein Formel-1-Rennwagen fest auf dem Boden bleibt, auf gerader Strecke so schnell wie möglich fährt und in Kurven eine optimale Geschwindigkeit beibehält, ist von entscheidender Bedeutung. In Enstone (England), dem Sitz – unter anderem – der Chassis-Abteilung des Alpine F1 Teams, arbeiten zwischen 100 und 120 Ingenieure kontinuierlich an der Steuerung der Luftströmungen, sei es mithilfe digitaler CFD-Tools (Computational Fluid Dynamics) oder im Windkanal. Flügel, Deflektoren, flacher Boden, Pontons, Diffusor: All diese Elemente und noch viele weitere werden so präzise wie möglich modelliert, um die Leistung des Rennwagens zu optimieren.
Den Gipfel der Aerodynamik findet man in der Formel 1. Dort holen wir uns die richtigen Methoden und Werkzeuge.
PARTNERSCHAFT MIT ENSTONE
In Les Ulis (Frankreich), dem Hauptsitz von Alpine Cars, denkt Pierre Sancinéna genauso wie seine Kollegen in Enstone. Als Aerodynamikingenieur und zugleich semiprofessioneller Rennfahrer* leitet er seit drei Jahren die aerodynamischen Entwicklungen für die aktuellen Modelle der Alpine- und Renault-Sport-Baureihen (A110 und Mégane R.S. Trophy-R) sowie für zukünftige Modelle. Er stimmt ohne Weiteres zu, dass „die Arbeit im Windkanal für die aerodynamische Entwicklung eines Sportmodells wie des A110 unerlässlich ist“. Um diese Arbeit an den Alpine-Straßenfahrzeugen zu optimieren, kam ihm die Idee, die aerodynamischen Entwicklungsteams in Enstone hinzuzuziehen. „Wir haben unsere Zusammenarbeit im März 2020 aufgenommen und tauschen uns wöchentlich aus, um unsere Methodik und unsere CFD-Tools zu optimieren und die Methoden der Formel 1 bei unseren Tests anzuwenden“, erklärt er.
Der Alpine A110 ist bereit für die ersten Windkanaltests
Diese Partnerschaft mit dem Alpine F1 Team konzentriert sich auf spezifisches Know-how, das in die Entwicklung zukünftiger Alpine-Straßenmodelle einfließen soll. Die Teams von Alpine Cars haben dadurch die Übereinstimmung zwischen den Computerberechnungen und den Ergebnissen aus den Windkanaltests verbessert. Dadurch lassen sich Zeit und Geld sparen, da sich wiederholte Entwicklungsphasen vermieden und das Hin- und Her zwischen CFD und Windkanal reduziert werden. Um jedoch die Effizienz weiter zu steigern und auch die direkte Entwicklung bestimmter Bauteile oder Fahrzeugteile zu optimieren, musste man noch einen Schritt weiter gehen.
NEUE SENSOREN
So überquerte ein A110 den Ärmelkanal, um in den Werkstätten von Enstone mit zahlreichen Sensoren ausgestattet zu werden, die von den Aerodynamikern der Formel 1 verwendet werden. Eine völlig neue und äußerst wertvolle Instrumentierung, um noch mehr Daten zu erfassen und die Druckverteilungen an der Karosserie sowie die Strömungen um das Fahrzeug herum besser zu kartieren. Anfang März konnte die Formel 1 dann im Windkanal S2A in Montigny-le-Bretonneux diesen völlig umgebauten Test-A110 dem Wind aussetzen.
Insbesondere war unter seinem vorderen Fahrwerk ein breites Metallgitter angebracht, das als „Rake“ bezeichnet wird und direkt von den Gittern abgeleitet ist, die die A521 von Esteban Ocon und Fernando Alonso an den Grand-Prix-Wochenenden im freien Training verwenden. Ausgestattet mit Drucksensoren, die den Pitot-Sonden von Flugzeugen ähneln, ermöglicht es die Kartierung des gesamten Luftvolumens, das durch den Unterboden des Wagens strömt . „Das ist ein einzigartiges Werkzeug für uns, es ist wirklich das erste Mal, dass wir so etwas an unserem Serienwagen einsetzen“, erklärt Pierre Sancinéna .
Bei diesem Windkanaltest setzten die Ingenieure von Alpine Cars zudem „Flow-Vis“ ein, eine spezielle Farbe, die von ihren Kollegen aus der Formel 1 entwickelt wurde. Diese wird mit einer Rolle auf die Motorhaube und die Kotflügel des Fahrzeugs aufgetragen und verteilt sich erst ab einer bestimmten Geschwindigkeit so, dass die Luftströmungen an der Karosserie untersucht werden können. Ein sehr anschauliches Hilfsmittel, das dabei hilft, die mittels CFD am Computer durchgeführten Berechnungen zu validieren.
BALD AUF DER STRASSE
Im Rahmen dieses einzigartigen Windkanaltests beschränkte sich der Beitrag der Aerodynamiker des Alpine F1 Teams nicht nur auf die technische Seite. Vom Kontrollraum – dem berühmten „Race Control Room“ – in Enstone aus konnten sie die Live-Bilder verfolgen und die auf ihren Computerbildschirmen angezeigten Daten analysieren. Wer wäre denn besser geeignet, die Ergebnisse dieses Tests zu entschlüsseln, als diejenigen, die mit den Werkzeugen vertraut sind, mit denen der A110 vollgepackt war?
Die Ergebnisse werden nicht nur hier im Windkanal, sondern auch in Enstone genau unter die Lupe genommen
Diese Ergebnisse werden dazu dienen, bestimmte Optionen, Ideen und Elemente zu validieren, die derzeit bei Alpine Cars entwickelt werden. Dies gilt sowohl für künftige Weiterentwicklungen des A110 als auch für andere kommende Modelle, die somit ein Stückchen Formel 1 mit auf die Straße nehmen werden.
AUF DEM WEG ZUM 24-STUNDEN-RENNEN VON LE MANS
Pierre Sancinéna, der sich schon seit jeher für den Motorsport begeistert, begann seine Karriere als Rennfahrer im Alter von 15 Jahren im Kartsport. Nach einigen guten Leistungen auf regionaler Ebene versuchte er sein Glück beim ACO-Rennen in Le Mans. Er belegte den zweiten Platz und erhielt vom Verband ein Stipendium, um 2010 an seiner ersten Formel-4-Meisterschaft teilzunehmen.
Erfolge und Höhepunkte
2010: Französische F4-Meisterschaft
2011: Dritter in der französischen F4-Meisterschaft
2012: F3-Europameisterschaft
2012, 2013, 2014: Verschiedene Erfahrungen mit GT-Fahrzeugen und Prototypen
2015: Französischer Meister in der GT-Juniorenklasse (im Audi R8 GT3)
2016: Französische Meisterschaft der Prototypen in der LMP3-Klasse
2018: Sieger des Alpine Elf Europa Cup, Gewinner des GT4-Weltcups mit dem Alpine A110 GT4, Sieger mehrerer Rennen in der französischen GT-Meisterschaft mit dem Alpine A110 GT4
2019: GT4-Europameisterschaft mit dem Alpine A110 GT4
2020: 3. Platz in der Alpine Elf Europa Cup-Meisterschaft
2021: ELMS-Meisterschaft in einem LMP2 Seit er zum ersten Mal einen Rennanzug anziehen durfte, war sein Ziel immer dasselbe: die Karriereleiter im Motorsport zu erklimmen, um am legendärsten Langstreckenrennen der Welt, den 24 Stunden von Le Mans, teilzunehmen. Mit dieser großartigen Gelegenheit, in dieser Saison in der renommierten ELMS-Meisterschaft mit einem LMP2 an den Start zu gehen, hat er einen wichtigen Schritt in diese Richtung gemacht. Natürlich bleibt sein größter Traum, in Le Mans zu fahren … in einem Alpine, da ihm diese Marke so sehr am Herzen liegt.