Genau wie das Kino, Videospiele oder die Kartografie stützt sich auch die Automobilindustrie seit mehreren Jahrzehnten auf die Fortschritte der 3D-Modellierung, um ihre Projekte zum Leben zu erwecken. Um heute ein Auto herzustellen, muss es zunächst dreidimensional entworfen werden. Das ist eine der Aufgaben des Designers, dessen digitales Werkzeugset ständig erweitert wird. Eines dieser Werkzeuge ist das 3D-Sketching, eine revolutionäre Technologie, die es ermöglicht, ohne Bleistift und ohne Schreibtisch zu zeichnen. Willkommen in der Zukunft!
VON JEAN-BAPTISTE PIETRA
Technocentre (Guyancourt), 1. Dezember 2021. Mit einem VR-Headset und zwei Controllern ausgestattet, gestikuliert ein Mann mitten in einem Raum. Er scheint unsichtbare Linien um sich herum zu ziehen. Eine skurrile Szene, die sofort an diese Virtual-Reality-Videospielerlebnisse erinnert. Und doch ist Udo – so heißt er – alles andere als ein Gamer… Er ist Designer! Und er befindet sich mitten in einer Arbeitssitzung. Seine neueste Erfindung? Eine Software für 3D-Skizzieren. Eine Zeichnungsmethode, die derzeit in der Designabteilung der Renault Group eingeführt wird.
Beim 3D-Sketching taucht man in einen Raum ein, in dem es keinerlei Einschränkungen oder Grenzen mehr gibt.
Was versteht man unter 3D-Sketching?
Das 3D-Sketching ist eine intuitive Technologie, bei der man sozusagen „in die Leere“ um sich herum zeichnet. In die Leere zeichnen? Pablo Picasso experimentierte bereits 1949 damit. Der berühmte spanische Künstler benutzte ein Feuerzeug als Stift, um „Lichtchoreografien“ zu schaffen . Diese flüchtigen Zeichnungen wurden von dem Fotografen Gjon Mili verewigt. Diese Technik wurde als Light Painting (oder Light Drawing) bezeichnet. Eine Kunstform, die es bereits damals ermöglichte, eine Idee in Form einer Darstellung im Raum zu visualisieren.
Pablo Picasso bei einer Light-Painting-Session, 1949
Heute funktioniert das 3D-Sketching nach einem ähnlichen Prinzip, nur ohne Feuerzeug und ohne Kamera. Die Technik basiert auf der Verwendung eines Virtual-Reality-Headsets, auch VR-Headset (für Virtual Reality) genannt. Vor 50 Jahren erfunden, hat es sich vor etwa zehn Jahren mit der Markteinführung von Modellen für den Massenmarkt im Bereich Videospiele verbreitet.
Sobald das Headset auf dem Kopf befestigt und eingeschaltet ist, taucht der Designer in ein virtuelles 360°-Zeichenstudio ein. Mithilfe von zwei Controllern (einer in jeder Hand) wählt er Farben aus einer Grafikpalette aus, zeichnet Linien, erzeugt Formen, gestaltet Oberflächen usw. Alle Bewegungen werden von einer Software in Echtzeit modelliert und aufgezeichnet.
Um das 3D-Sketching auszuprobieren, braucht man lediglich ein VR-Headset, zwei Controller und eine Internetverbindung
Nahezu grenzenlose digitale kreative Freiheit
Ende der 90er Jahre hatte der Beruf des Designers mit der zunehmenden Verbreitung des Zeichnens auf dem Grafiktablett einen ersten Wandel durchlaufen. Heute geht das 3D-Sketching noch einen Schritt weiter und ermöglicht es dem Designer, ganz ohne Grafiktablett, Bleistift, Maus und sogar ohne Schreibtisch zu arbeiten. Das Design tritt in eine neue Ära ein : die Ära einer Digitalisierung, die im Mittelpunkt der Fahrzeugentwicklung steht.
„Die Renault Group ist schon seit Langem im digitalen Bereich tätig. Heute bricht eine neue Ära für Designer an.“
Dank ständig verbesserter Werkzeuge verzehnfacht diese Digitalisierung die Freiheit des Designers und macht seine Projekte noch zugänglicher. Noch nie war es so einfach, schnelle 3D-Skizzen anzufertigen, perspektivische Darstellungen zu erstellen, Formen zu modellieren – sogar im Maßstab 1:1 – oder Volumen auszufüllen. “
„Das spart Zeit“, erklärt Udo. „Es dauert mindestens vier Wochen, bis ein Scan oder eine Datei an eine Maschine gesendet wird, während wir hier in Echtzeit arbeiten. Das ist ein riesiger Vorteil.“
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das 3D-Sketchingneue Experimentiermöglichkeiten eröffnet , da es dem Nutzer ermöglicht, jede Idee auf einfache Weise zu verwirklichen. Einziger Wermutstropfen: Augenbelastung, Kopfschmerzen sowie Rücken- und Gelenkschmerzen, unter denen manche Designer nach längerer Nutzung leiden. „Um in 360° zu zeichnen, muss man körperlich fit sein und stündlich Pausen einlegen“, betont Udo. Die Ingenieure arbeiten bereits an Lösungen, um das Erlebnis angenehmer und weniger anstrengend zu gestalten. Dazu gehört insbesondere die Gewichtsreduzierung des Headsets. So werden beispielsweise Mixed-Reality-Headsets entwickelt, die es ermöglichen, in VR zu zeichnen, gleichzeitig die Umgebung im Blick zu behalten und mit Kollegen zu interagieren.
Zwei Designer der Renault Group arbeiten gemeinsam in Echtzeit an einem 3D-Skizzenprojekt
Zwei Designer der Renault Group arbeiten gemeinsam in Echtzeit an einem 3D-Skizzenprojekt
Zwei Designer der Renault Group arbeiten gemeinsam in Echtzeit an einem 3D-Skizzenprojekt
Ein kollaborativer Modus 2.0
Denn das 3D-Sketching erweitert das Repertoire des Designers um eine weitere Möglichkeit: die Zusammenarbeit mit einem Kollegen in Echtzeit an einem gemeinsamen Projekt, unabhängig von der Entfernung, die sie trennt. „Sobald man eine Internetverbindung hat, gibt es keine geografischen Grenzen mehr. Man hat das Gefühl, zusammen zu sein, obwohl man Tausende von Kilometern voneinander entfernt ist“, erklärt Udo. Zwei Designer können über die vom 3D-Sketching- Tool geschaffene Schnittstelle kommunizieren – mithilfe von Kopfhörern und einem in das VR-Headset integrierten Mikrofon. So kommunizieren sie, tauschen ihre individuellen Arbeiten aus und arbeiten gemeinsam an Projekten. Und das alles, ohne ihr Zuhause, ihr Büro oder irgendeinen anderen Ort auf der Welt verlassen zu müssen. Das Ergebnis: Die denkbaren Kombinationen sind unendlich und Missverständnisse weitaus seltener als früher.
„Dank der VR, die den Weg in die 3D-Welt ebnet, können wir uns präziser ausdrücken.“
Aber das ist noch nicht alles: Auch der Arbeitsablauf wird dadurch verbessert. Sobald die Modelle mithilfe des 3D-Sketching erstellt wurden, werden sie als Dateien exportiert. Diese können von den anderen Gliedern in der Kette der Fahrzeugentwicklung und -produktion weiterverwendet werden. Der Designer kann die Umsetzung seiner Arbeit einem Modellbauer (der für die Anfertigung eines physischen Modells zuständig ist) oder einem Ingenieur anvertrauen, der beispielsweise die Machbarkeit prüft. Ähnlich wie die Digitalisierung beseitigt das 3D-Sketching Kommunikationshindernisse und lässt die Grenzen zwischen den Berufsgruppen nach und nach verschwinden.
Beispiel für eine Fahrzeugskizze, erstellt mit 3D-Sketching
Der neue Bleistift des „erweiterten Designers“
Im Design bietet das digitale Zeichnen seit einigen Jahren die Möglichkeit,mehr Iterationen durchzuführen, den Prozess zu beschleunigen und bereits ab den ersten Ideen des Designers weiter zu gehen. Dieser Trend hat sich mit dem 3D-Sketching noch verstärkt. Diese neue Technologie senkt nicht nur die Kosten und verkürzt die Fertigungszeiten, sondern erleichtert auch die Entwicklung und die Vorschau auf gezeichnete Inhalte. Konkret hat der Designer nun die Möglichkeit, sich präziser auf einen Teil seiner Zeichnung zu konzentrieren, mit Oberflächen nach Belieben zu experimentieren, „Spiegelungen“ zu erzeugen (eine 2D-Fläche zu verdoppeln, um daraus ein 3D-Objekt zu machen), eine bessere Darstellung seiner Skizzen und Modelle zu erzielen, seine Projekte direkt in Echtzeit zu präsentieren oder seine Zeichnungen dank der Kompatibilität dieser Technologie mit 3D-Druckern zum Leben zu erwecken. Gestärkt durch diese zahlreichen Vorteile, neue Kompetenzen und vielfältigere Möglichkeiten, seine Ideen zum Ausdruck zu bringen, hat sich der Designer zum „erweiterten Designer“ gewandelt
„Wir werden immer physische Modelle brauchen, denn unser Kunde möchte ein echtes Produkt kaufen, das er anfassen und riechen kann.“
„Das 3D-Sketching ist ein weiteres Werkzeug, aber die traditionellen Methoden behalten nach wie vor ihre Gültigkeit“, fasst Udo zusammen. Der digitale und der physische Ansatz ergänzen sich. Beide spielen im Herstellungsprozess eines Autos ihre jeweilige Rolle. Die Modellbauer verwenden weiterhinsynthetischen Ton, um ihre Modelle herzustellen. Diese eignen sich ideal, um die Linienführung eines Modells auszuarbeiten, und sind in der Endphase eines Projekts entscheidend für die Beurteilung seiner Qualität. Ebenso kann das 3D-Sketching das zeichnerische Talent des Designers nicht ersetzen, das den Eckpfeiler der Fahrzeugkonstruktion bildet.
Das 3D-Sketching findet bereits in anderen Branchen Anklang
Die Designer der Renault Group sind nicht die Einzigen, die mit dieser Technologie experimentieren. Sie wird bereits an zahlreichen Designschulen eingesetzt und kommt heute bei der Entwicklung von Motorrädern, Sportschuhen, Fahrradhelmen oder auch Rucksäcken zum Einsatz. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie in Zukunft die Umsetzung zahlreicher Projekte in so unterschiedlichen Bereichen wie Mode, Innenarchitektur, Medizin, Architektur oder auch Videospiele ermöglichen wird.