LEGO und Frechheit – Folge 2

Veröffentlicht am

Auf der Grundlage seiner Expertise im Bereich Elektrofahrzeuge, seiner Erfahrung in der Formel 1 und dank engagierter und leidenschaftlicher Teams aus den Bereichen Technik, Entwicklung und Qualitätssicherung hat Renault seinen innovativen E-TECH-Hybridantrieb entwickelt. Weniger bekannt ist, dass dieser auf eine ebenso ungewöhnliche wie inspirierende Weise erfunden und entwickelt wurde. Ahmed Ketfi-Cherif, Mechatronik-Entwickler bei Renault, erinnert sich an die Zeit, als es galt, das Konzeptmodell aus LEGO in einen realen Antrieb zu verwandeln.

VON EMMANUEL GENTY

Nachdem die Zeit der Zufriedenheit vorüber war, kam nun die Zeit der Herausforderung: dem zukünftigen E-TECH-Hybridantrieb Gestalt und Leben zu verleihen. Nicolas Fremau, der Konstrukteur des LEGO-Prototypenmodells, wandte sich daraufhin an mehrere Personen aus seinem beruflichen Umfeld, um zu überprüfen, ob das von ihm erdachte innovative kupplungslose System im Praxiseinsatz den Leistungserwartungen der Kunden gerecht werden würde. Dazu gehörte insbesondere Ahmed Ketfi-Cherif, ein Spezialist für Steuerungstechnik, der prüfen sollte, ob die Übergänge zwischen den verschiedenen geplanten Betriebsmodi (damals „Stadt“, „Landstraße“ und „Autobahn“) mit einfachen Klauenkupplungen möglich waren.

Der Übergang vom LEGO-Abenteuer zur Realität war eine unermessliche Herausforderung. Auf menschlicher Ebene hat mir das sehr viel gegeben.

Ahmed Ketfi-Cherif

Architekt für Mechatronik bei Renault

EIN BEDARF AN GLÄTTUNG

Im Mittelpunkt der Überlegungen steht somit die Klauenkupplung. Dieses Bauteil ersetzt in einem kupplungslosen System sowohl ein Ritzel als auch einen Synchronring. Das Klauengetriebe ist ein Getriebe, das dank der geringeren Anzahl an Teilen, die im Inneren aneinander reiben, einen sehr guten Wirkungsgrad aufweist. Diese Technologie wird im Motorsport eingesetzt, wo die mangelnde Laufruhe kein Nachteil ist. Bei Serienmodellen hingegen müssen unbedingt sanfte Gangwechsel gewährleistet sein, da sonst die Kundschaft abwandern könnte.

„In der Formel 1 sind Klauenkupplungen bei Rennmotoren gang und gäbe. Bei einem Motor für den Massenmarkt war das jedoch etwas völlig Neues. Dieses Bauteil musste so vereinfacht werden, dass es auch für Herrn und Frau Jedermann leicht zu bedienen ist“, erklärt Ahmed Ketfi-Cherif in einfachen Worten.

Das war keineswegs selbstverständlich, denn die in der Formel 1 verwendeten Flachklauenkupplungen funktionieren zwar langfristig besser und sind a priori zuverlässiger als andere Kupplungstypen wie beispielsweise die „Dachkupplungen“, haben aber auch den Nachteil, dass sie sich möglicherweise weniger gut ineinander fügen. Es galt, einen Trick zu finden, der das System reibungsloser laufen lassen würde.

HSG: DIE KLUGE WAHL

Die Idee, die von Ahmed Ketfi-Cherif schnell gebilligt wurde, bestand darin, das in der Entwicklung befindliche E-TECH-Hybridsystem um einen zweiten Elektromotor zu ergänzen: „Seine Aufgabe ist es, die Synchronringe eines herkömmlichen Getriebes zu ersetzen, um das Einrasten der Kupplungszähne und damit den Gangwechsel zu erleichtern. Im Zusammenspiel mit dem Antriebsmotor ermöglicht er eine sehr präzise Regelung der Drehzahl des Getriebes, um ruckfrei zu schalten. “ Ahmed und Nicolas Fremau passen das LEGO-Modell an diese Lösung an und starten die Prüfstand- und Testfahrten. Dabei stellen sie fest, dass dieser zweite Elektromotor vom Typ HSG (High-voltage Starter Generator, also Hochspannungs-Startergenerator) dem System weitere Vorteile bietet. Sein sofortiges Drehmoment sorgt nämlich für eine gleichmäßige Beschleunigung bei niedrigen Geschwindigkeiten und verhindert so jegliches Gefühl eines Drehmomentabbruchs beim Schalten. Ebenfalls bei niedrigen Geschwindigkeiten ermöglicht er dem System den Betrieb im „Serienhybrid“-Modus für mehr Komfort und Laufruhe. Da hierfür keine große gespeicherte Energie benötigt wird, konnte die Batteriekapazität reduziert und auf die Ladebuchse verzichtet werden.

„Der zukünftige E-TECH-Antrieb, der ursprünglich als Plug-in-Hybrid konzipiert war, wurde nun auch als ‚einfacher‘ Hybrid angeboten. Damit vervielfachten sich die Einsatzmöglichkeiten innerhalb der Modellreihe!“ Ahmed Ketfi-Cherif

ES FUNKTIONIERT WIRKLICH

Nach Abschluss dieser Tests waren die Entwicklungsteams des E-TECH-Antriebssystems zuversichtlich: Was bei LEGO und in der Simulation funktionierte, funktionierte auch „im echten Leben“. Und zwar „extrem gut“, wie Ahmed Ketfi-Cherif präzisiert. Doch damit war noch nicht alles geregelt. Es galt noch, die Funktionsweise des Systems bei hohen Geschwindigkeiten zu optimieren und vor allem den passenden Rahmen zu finden, um E-TECH den Journalisten und der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.